Europäische Kapitalmarktpolitik war lange ein träges Feld, das Fintechs getrost ignorieren konnten. Das hat sich geändert. Unter dem Dach der Spar- und Investitionsunion hat die Kommission eine Reihe von Vorschlägen vorgelegt, die Fintech-Geschäftsmodelle direkt berühren — von der Frage, wer Krypto-Unternehmen beaufsichtigt, über die Skalierung tokenisierter Wertpapiere bis zu einer neuen EU-weiten Rechtsform für Startups.
Die Spar- und Investitionsunion (SIU) wurde im März 2025 mit einer Mitteilung der Kommission gestartet. Sie benennt die ältere Kapitalmarktunion neu und schärft sie um eine Diagnose: Europa hat hohe private Ersparnisse, aber zersplitterte Märkte, die sie nicht in europäische Unternehmen lenken. Die Antwort ist ein Mix aus Empfehlungen, gezielter Gesetzgebung und — erstmals ernsthaft — Vorschlägen zur Zentralisierung der Aufsicht.
Die Bausteine
- Privatanleger: Förderung von Spar- und Investitionskonten, die Haushalten einen einfachen, günstigen Zugang zum Kapitalmarkt geben, dazu Arbeiten zur ergänzenden Altersvorsorge.
- Verbriefungen: ein Vorschlag von 2025, der den Markt durch geringere Kapital- und Prüfanforderungen wiederbeleben soll.
- Marktintegration und Aufsicht: ein Paket vom Dezember 2025, das die Aufsicht über bedeutende Marktinfrastrukturen — und über Krypto-Dienstleister — auf die ESMA verlagern will.
- Tokenisierung: eine deutliche Ausweitung des DLT-Pilotregimes, mit einer viel höheren Gesamtobergrenze und einem vereinfachten Regime für kleinere DLT-Infrastrukturen.
- EU Inc: das „28. Regime“, eine optionale EU-weite Rechtsform, vorgeschlagen im März 2026.
ESMA als Krypto-Aufsicht: das Ende des Lizenz-Shoppings?
Der folgenreichste Vorschlag für Fintechs ist der Plan, Zulassung und Aufsicht von Krypto-Dienstleistern unter MiCA von den nationalen Behörden auf die ESMA zu übertragen. Die Logik reagiert auf die ersten MiCA-Jahre: Nationale Behörden haben dieselbe Verordnung mit sichtbar unterschiedlicher Strenge angewandt, und Unternehmen wählten ihren Herkunftsstaat entsprechend. Mit einer einzigen europäischen Aufsicht verlöre diese Wahl den größten Teil ihres strategischen Werts.
Der Vorschlag steckt noch im Gesetzgebungsverfahren, und der nationale Widerstand ist erheblich — mehrere Mitgliedstaaten verteidigen ihre Aufsichtskompetenz. Für Krypto-Dienstleister, die heute ihre Lizenzierung planen, ist die kluge Annahme: Das nationale Regime gilt die nächsten Jahre, doch ein Aufsichtsmodell, das auf der günstigsten Auslegung aufbaut, wird einen Wechsel zur ESMA nicht überstehen.
Tokenisierung bekommt Raum zum Wachsen
Das seit 2023 geltende DLT-Pilotregime war als Sandbox mit engen Grenzen angelegt — und zog nur wenige Teilnehmer an. Die Kommission schlägt nun vor, die Gesamtobergrenze auf 100 Milliarden Euro anzuheben, wertpapierspezifische Schwellen zu streichen und ein leichteres Regime für kleinere DLT-Infrastrukturen einzuführen. Zusammen mit der Arbeit des Eurosystems an der Abwicklung in Zentralbankgeld signalisiert das: Tokenisierte Wertpapiere sollen vom Pilotprojekt zur Marktinfrastruktur werden.
Die Spar- und Investitionsunion ist kein einzelnes Gesetz. Sie ist eine Richtung — und für Fintechs heißt die Richtung: weniger nationale Nischen, mehr europäische Skalierung.
EU Inc: eine Rechtsform zum Skalieren
Im März 2026 hat die Kommission EU Inc vorgeschlagen, einen optionalen gesellschaftsrechtlichen Rahmen neben den 27 nationalen Gesellschaftsrechten. Das Konzept ist digital by default: Gründung online binnen 48 Stunden, Registrierungskosten von höchstens 100 Euro und kein Mindestkapital. Ziel ist, dass Startups Kapital aufnehmen und grenzüberschreitend tätig sein können, ohne sich für jeden Markt umzustrukturieren. Die Verabschiedung durch Parlament und Rat wird für 2026 oder 2027 erwartet; Details wie Mitarbeiterbeteiligung und Steuern entscheiden über den praktischen Wert.
Worauf sich Fintechs einstellen sollten
- Krypto-Dienstleister: Aufsichtsbeziehungen und Compliance-Rahmen so aufbauen, dass sie auch der Prüfung durch eine europäische Aufsicht standhalten — nicht nur der heutigen nationalen.
- Wealth- und Investment-Fintechs: sich auf vereinfachte Anlageprodukte und -konten als Vertriebskanal einstellen — und auf den Wettbewerb, den sie mitbringen.
- Tokenisierungsprojekte: das DLT-Pilotregime neu bewerten, sobald die höheren Schwellen beschlossen sind; es könnte erstmals wirtschaftlich tragfähig werden.
- Gründer und Investoren: EU Inc verfolgen — für grenzüberschreitende Scaleups könnte eine einheitliche Rechtsform Finanzierung und Expansion erheblich vereinfachen.
- Markteinsteiger: die Frage „welcher Herkunftsstaat?“ als Frage mit sinkender Halbwertszeit behandeln; Substanz und Qualität werden wichtiger als Standortarbitrage.
Fazit
Die Spar- und Investitionsunion verschiebt den Boden, auf dem Fintech-Strategien in Europa gebaut werden: mehr zentrale Aufsicht, mehr Raum für Tokenisierung und womöglich eine europäische Rechtsform. Unternehmen, die sich früh an dieser Richtung ausrichten, positionieren sich für Skalierung statt für Nischen. Aegiron Capital Group verfolgt diese Entwicklungen und übersetzt sie für Unternehmen in Markteintrittsstrategien; die Rechtsberatung, auch zu Erlaubnisfragen, übernimmt die Kanzlei, die Sie beauftragen.
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Peter M. Badke
Gründer, Aegiron Capital Group
Bankkaufmann (IHK), seit 2021 im Vertrieb und Partnergeschäft für Fintech-Anbieter im DACH-Raum. Online-Kurs „Financial Markets“ der Yale University (Coursera, mit Auszeichnung) und Zertifizierter Derivatehändler (Deutsche Börse Group).
Entwurf mit KI-Werkzeugen; redaktionell verantwortlich: Peter M. Badke.
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